Ein Phantom hat den virtuellen Raum für einen kurzen Tag verlassen

Wie die virtuelle Realität in die Wirklichkeit einbricht, konnte man
kürzlich in Berlin beobachten. Niemand kannte den 24-jährigen Syrer,
weder lebend noch tot, der aber nach genauen Beschreibungen seit
vielen Tagen am LAGeSo stand, ausgemergelt, frierend, hungrig und sehr
krank – und keine Hilfe weit und breit. Schuld daran, natürlich die
üblichen Verdächtigen. Es trat nur ein, was viele befürchtet haben,
nämlich dass es Tote geben wird.

Es war die Geschichte über einen Verstorbenen, der ein syrischer
Flüchtling war, der als medial erzeugte Figur in die Wirklichkeit
einbrach, weil es ihn hätte geben können. Dass es ihn konkret nicht
gab, änderte nichts an der Tatsache, dass viele sein ungerechtes
Schicksal betrauerten und Anklage gegen die Verantwortlichen an der
Misere erhoben. Viele Ankläger, die selbst verantwortliche Positionen
inne haben, nannten die Schuldigen, Frank Henkel und Mario Czaja, die
durch mangelndes Engagement und mangelndes, menschliches Mitgefühl für
die Wirklichkeit verantwortlich seien, in der dann virtuelle Tote als
wirkliche Opfer erscheinen. [1]

In der Verlängerung sind es die Behörden, die Rettungsdienste usw.,
die versagen und schuld an einer Situation sind, in der ein erfundener
Toter durch tausende, willige Helfer, die in Wirklichkeit nichts
wissen, via Facebook und Twitter zur Wirklichkeit wird. Ein wirklich
toter Syrer, begierig aufgenommen durch eine Refugees Welcome
Community und die Leitmedien, existiere, so die Sprecherinnen von
„Moabit hilft“. Sie bestätigen es als Tatsache den ganzen Mittwoch
über, indem sie die Erzählung fortführten, über das Elend des Toten
sprachen, wie er vor dem Landesamt in Moabit stand, – krank, hungernd
und frierend. Obwohl sie ihn nie gesehen hatten, war er doch so real,
wie die Misere selbst, verantwortet durch die Senatoren Henkel und
Czaja. Diese beiden wurden nun auch noch zu den eigentlichen Herren
über den virtuellen Raum, weil sie durch ihr Nicht-Handeln es als
möglich erscheinen ließen, was dann aber doch nicht wirklich
passierte. Den Toten gibt es nicht, aber sie sind schuld, dass es ihn
hätte geben können.

Mich fasziniert, wie heutzutage jegliche Realität auf den Kopf
gestellt werden kann, wie jegliche sinnliche und anschauliche Logik in
ihr phantasiertes Gegenteil umgewandelt werden kann. Das geht noch
weit über die Vorlage von 1984 hinaus, weil Big Brother sich wie ein
Gespenst in den Hirnen der Lebenden eingegraben hat, wo er dank
virtueller Realität nun als wirklich erscheint und dadurch die
Wirklichkeit bestimmt (also die wirkliche, in der die Leute sich
bewegen, essen und trinken). So können inzwischen Massenhysterien
innerhalb von Stunden via Facebook und Twitter hervorgerufen werden,
die sich hinterrücks, aber unter aktiver Mitwirkung aller Beteiligten,
Bahn brechen.

Statt aber das Massenphänomen Facebook und Twitter vereint mit den
klassischen Großmedien im Web zu problematisieren, wird die
Problematik aus dem virtuellen Raum einfach verdrängt und an
wirklichen Personen festgemacht, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen
Position dafür herhalten müssen, dass über Nacht so viele Leute daran
glauben und davon sprechen, dass es einen toten syrischen Flüchtling
gibt. Selbst die direkt involvierten Helfer von „Moabit hilft“ spinnen
die Geschichte wie selbstverständlich weiter, obwohl sie weder den
fraglichen Syrer, noch den Ort kennen, an dem der Tote doch anwesend
sein müsste. Sie liefern zusätzliche Details über eine Person, die es
gar nicht gibt. Warum? – weil es sie geben könnte.

Diese Möglichkeitsform, mit der die wirkliche Situation der
Flüchtlinge am LAGeSo dramatisiert wird, ist selbst schon geprägt von
einer virtuellen Realität, in der dann phantasierte Inhalte von Chats,
wie der um den gerade verstorbenen Syrer, aus dieser Möglichkeitsform
in die wirkliche Welt eintreten: Ein Heer von Angestellten in
Behörden, bei Polizei und Rettungsdiensten sind stundenlang damit
beschäftigt, den Toten zu finden, bis sich am Ende herausstellt, dass
nur ein Phantom den virtuellen Raum verlassen hatte.

Es geht hier letztlich nicht um Flüchtlinge oder Flüchtlingsprobleme,
sondern um das Massenphänomen „soziale“ Medien, in welchen die Leute
leben und agieren ohne Rücksicht auf die wirkliche Welt, in der sie
sich doch gleichzeitig als Menschen mit Fleisch und Blut bewegen. Sie
glauben dem Netz mehr als ihren eigenen Sinnen und ihrem praktischen,
konkreten Urteilsvermögen. Und am Beispiel des nicht-existenten, toten
Flüchtlings zeigt sich fatal, was passiert, wenn Sinne und
Urteilsvermögen im Alltagsleben als Regulativ verschwinden. Plötzlich
werden Dinge real, nur weil sie möglich sind, schlimmer noch, weil man
schon lange darauf wartet, sich geradezu danach sehnt, dass sie
passieren. So entstehen Wahnsysteme.

Martin Friedrich

[1] http://www.tagesspiegel.de/berlin/lageso-und-der-erfundene-tote-fluechtling-lauer-henkel-und-czaja-tragen-die-schuld/12889504.html

Dies ist ein Gastbeitrag.


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